Interview mit Ernst Birmele, Mitglied des SE-Betriebsrates bei Elcoteq
Frage: Wie kam es zur Initiative, eine Europäische Aktiengesellschaft zu gründen?
Birmele: Die Arbeitnehmerseite stand im Jahr 2004 kurz davor, die Initiative zur Gründung eines Europäischen Betriebsrates
zu ergreifen. Gleichzeitig wurden Überlegungen aus der Konzernleitung bekannt, eine Europäische Aktiengesellschaft (SE) zu
gründen. Die beiden Initiativen wurden dann zusammengeführt.
Frage: Gab es vorher schon Kontakte zur Muttergesellschaft in Finnland?
Birmele: Wir als Betriebsrat hatten nur schriftlichen Kontakt, aber die Vorstandsverwaltung der IG Metall war
eingeschaltet und hatte schon Kontakte zu den finnischen Gewerkschaften aufgebaut. Zwischen den deutschen und finnischen
Gewerkschaftssekretären gab es damals schon Vorgespräche.
Frage: Wie sind die Verhandlungen im Besonderen Verhandlungsgremium abgelaufen?
Birmele: Es gab insgesamt vier Sitzungen in Finnland, in denen wir den Text der SE-Vereinbarung Stück für Stück mit der
Konzernleitung abgearbeitet haben. Manche Punkte waren sicher schwierig zu verhandeln, aber insgesamt hatten wir eine
konstruktive Atmosphäre. Dem Besonderen Verhandlungsgremium gehörten 13 Mitglieder an, genauso viele wie jetzt im
SE-Betriebsrat sitzen. Zusätzlich war immer ein hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär aus Finnland mit dabei.
Frage: Warum haben Sie auf eine Beteiligung im Verwaltungsrat der SE verzichtet?
Birmele: Über diese Frage wurde längere Zeit kontrovers diskutiert, auch innerhalb der Arbeitnehmerseite. Aber am Ende
waren wir der Meinung, daß zusätzliche Betriebsratssitzungen für die praktische Arbeit wichtiger sind als die Teilnahme
eines Arbeitnehmervertreters im Verwaltungsrat des Unternehmens. Zwei reguläre Sitzungen des SE-Betriebsrates und vier
Sitzungen des engeren Ausschusses pro Jahr stehen uns jetzt vertraglich zu. Außerdem kann sich jedes Mitglied des
SE-Betriebsrates individuell zu Seminaren anmelden, was insbesondere für die Delegierten aus Ungarn und Estland sehr
wichtig ist.
Frage: Hat die SE konkrete Auswirkungen auf den Standort Offenburg?
Birmele: Unser Werk war bis zum Jahr 2000 Teil des Bosch-Konzern, wurde dann an Marconi verkauft und gehört seit November
2003 zu Elcoteq. Wir haben also bereits Erfahrungen mit Eigentümerwechseln gemacht. Die Umwandlung unserer
Muttergesellschaft in eine Europäische Aktiengesellschaft (SE) hat hier vor Ort keine Auswirkungen. Wichtig
ist, daß wir ein gutes Verhandlungsergebnis für eine internationale Interessenvertretung erzielen konnten.
Ernst Birmele (56) ist stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Elcoteq Communications Technology in Offenburg
und Mitglied der IG Metall. Dem Betriebsrat gehört er seit 1975 an.
Das Interview führte Werner Altmeyer am 15. März 2006.
Anmerkung:
In der Europäischen Aktiengesellschaft (SE) gibt es statt eines Europäischen Betriebsrates (EBR) einen europaweiten
SE-Betriebsrat, der in einigen Punkten stärkere Beteiligungsrechte als ein EBR hat. Weitergehende Informationen über die
Mitbestimmung in einer SE haben wir auf einer Sonderseite
zusammengestellt.
Weitere Informationen zu Elcoteq:
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Bericht in den
EBR-News 1/2006 |
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Wissenschaftliche Begleitstudie zu den Verhandlungen (86 Seiten, in englischer Sprache) |

